Das Heupferd im Nachtsplittermeer

Ausstellung im Kunstspeicher eröffnet

IVZ vom 10.06.2002

Mettingen. Seit Freitagabend wogt das Nachtsplittermeer im Mettinger Kunstspeicher auf dem Schultenhof. Die Ausstellung ist das Ergebnis einer ungewöhnlichen Zusammenarbeit zwischen dem Poeten Holger Bonus, emeritierter Ordinarius für Volkswirtschaftslehre an der Universität Münster, und der Hamburger Malerin und Grafikerin Ane Ludwig.

Für das Projekt hatte Bonus 300 seiner Gedichte nach Hamburg geschickt, woraus Ludwig eine Auswahl traf, nach der sie acht Skulpturen und 70 Bilder schuf, die jetzt im Kulturspeicher zu sehen sind. Ihr habe es sehr viel Vergnügen bereitet, "Strich um Strich" ihre Feder- und Graphit-Zeichnungen zu entwickeln, erzählt die Künstlerin über dieses Experiment und bekundet Fortsetzungswillen. Für den Förderverein Schultenhof begrüßte Bernhard Kötter die gut 80 Gäste. Kurz fasste sich hernach in seiner Eröffnungsrede Professor Dieter Ronte, Direktor des Kunstmuseums Köln. Es werde alles zu den Bildern in den zugehörigen Gedichten gesagt, obschon: "Jedes erklärt das andere anders, als es ursprünglich gedacht war."

Ähnlich kurz fiel der Vortrag von Professor Bonus aus, der vier seiner bis aufs Äußerste verdichteten Gedichte rezitierte. Der Ausstellungstitel stammt aus seinem Gedicht "Eisblume".

Zwischen diesen Beiträgen brachten die Sopranistin Yvonne Beerboom und die Pianistin Helen Osborne aus Stuttgart ein etwas irritierendes Arienpotpourri aus "Don Giovanni",,, Der Vogelhänd1er", "My Fair Lady" sowie "Die Fledermaus" zu Gehör. Bis auf das von Ane Ludwig selbst komponierte Lied "Meine Ruh ist hin, mein Herz ist schwer" traf das kaum die Stimmung der Ausstellung, die eher Begriffe wie Sehnsucht und Melancholie kennzeichnen. Eben diese Stimmung fängt Ludwig in gekonnt komponierten Landschaftsbildem ein. Neben japanischen Anklängen erinnert manch barocke Form an Horst Janssen, manch Jugendstilelement entfernt an Aubrey Beardsley. Ludwig selbst spricht von Einflüssen des Realismus und Surrealismus. Lehnt und lugt doch da und dort immer wieder Gevatter Tod, gern in Gestalt eines Heupferds mit Sense oder Trommel, höflich den Zylinder lüpfend. - Makabre Züge. Die finden sich auch auf den satirischen Zeichnungen nach Bonus' Spottgedichten. Gemeinsam führt das Künstler-Duo seine ungleichen Federn gegen Ferntouristen, Chefsozialisten, Banker, Bürokraten. Beißende Gesellschaftskritik zudem zu Mobbing, Verkehrsrowdytum und Internet-Sex. Konträr zu den übrigen Werken kehrt Ludwig darin das Hässliche, Gemeine der "Aufgespießten" hervor. Professor Rontes Feststellung, die Zusammenarbeit des poetischen Professors und der musikalischen Malerin sei ein "merkwürdiges Kuriosum", die Symbiose von Literatur und Malerei, "exzentrisch, weil einmalig", trifft.

Dem Förderverein Schultenhof ist es erneut gelungen, eine bemerkenswerte Ausstellung ins Tüöttendorf zu holen. Oder um es mit Bonus' Worten zu sagen: "Hut ab mon general / wer hätte das gedacht / von dir."

o Jan-Herrn Janßen

Die Ausstellung "Nachtsplittermeer" ist bis zum 7. Juli im Kunst-speicher zu sehen. Öffnungszeiten sind samstags und sonntags von 15 bis 18 Uhr oder nach Vereinbarung mit Bernhard Kötter, ~F3 0 54 52 1 36 16. Fast alle Bilder können käuflich erworben werden. Der Ausstellungskatalog (ISBN 3-89781-034-4) kostet 10 Euro.