Ibbenbürener Volkszeitung vom 17.11.2003

Großstadtniveau im Schultenhof

Zwei Veranstaltungen von Großstadtniveau rund um Bertolt Brecht und Kurt Weill sorgten am Freitagabend für ein volles Haus im Schultenhof.

Zunächst wurde im Kunstspeicher die Ausstellung "100 x Bertolt Brecht" eröffnet, in der 60 von den ursprünglich 100 "Vorschlägen zu B. Brecht" gezeigt werden, um die die Berliner Galerie Zone F. zu Brechts 100. Geburtstag 1998 100 Künstler gebeten hatte.Die Maler, Bildhauer, Zeichner und Grafiker, sogar einige Wortkünstler wie Peter Rühmkorff, ließen sich vom Gesicht, von Texten oder von den bekannten Accessoires des großen B. B. anregen, einer auch von diesem Namenskürzel selbst.Bernhard Kötter hätte den Besuchern der Vernissage gern jedes Werk einzeln erklärt, zeigte die verschiedenen "Kaukasischen Kreidekreise", wies auf Gedichte und Dramenzeilen hin, an die die Bilder anknüpfen und berichtete sogar über die Berührungspunkte einer Künstlerin mit Brechts Biografie. Wenn er den ganzen Abend Zeit bekommen hätte, in die bis zum 14. Dezember gezeigte Ausstellung einzuführen, auch das wäre eine bemerkenswerte Veranstaltung geworden.

Doch schnell zog es alle ins Haupthaus, wo nun der Mitschöpfer von "Dreigroschenoper" und "Mahagonny" im Mittelpunkt stand. Anders als Brecht kam Kurt Weill selbst zu Wort, mit seiner Musik und mit Zitaten aus dem Briefwechsel mit seiner Frau Lotte Lenya. Die Schauspielerin Christine Jensen, die der Lenya nicht unähnlich sieht, hat daraus eine Revue mit dem Titel "Lass mich dein Lustknabe sein" zusammengestellt und als Partner den Musical-Darsteller Sören Fenner gewonnen. Unglaublich: Sie wusste nicht, dass er dem Komponisten von "Mack the Knife" zum Verwechseln gleicht.

Da Lenya und Weill sich in einem Boot kennen gelernt haben, bildet ein Bootsrumpf den Kern der Bühne, dazu nur noch drei Podeste rechts, links und hinten. Als Schauplatz der Duette und Lesungen symbolisiert es gleichzeitig die Phasen ihres Lebens, in denen beide "in einem Boot" saßen. Denn ganz einfach war die Beziehung wohl nicht. Hochzeit, Scheidung und erneute Hochzeit, dazu räumliche und auch innerliche Trennungen werden in den Briefen lebendig. "Sprich leise, wenn Du Liebe sagst" heißt die im Brechtjahr 1998 erschienene Sammlung, und der Song, aus dem der Titel stammt, "Speak Low", erklang ganz am Anfang des Programms.Die Briefe sprechen aber nicht nur von den Höhen und Tiefen der Liebe, sondern auch über Weills Vorstellungen von Musik, über künstlerische Zwänge, über Menschen, denen er begegnet, besonders Brecht und später die anderen deutschen Emigranten in den USA. Anders als die meisten von ihnen, Thomas Mann etwa, wird Weill bewusst Amerikaner und lässt sich auch auf die Bedürfnisse des amerikanischen Musikbetriebs ein. Dass seine Versuche, dessen Qualität zu erhöhen, teilt "Weilli" seinem "Lenerl" ebenso mit, wie seine wachsende Abneigung gegen Brecht.Jensen und Fenner lassen die Briefe zwischen Absender und Empfänger hin und her gehen, übernehmen wie in einem Atem die Worte, geben sie zurück und machen so die Stimmungen von Schreiber und Leser gleichzeitig deutlich.

Dieser Teil des Programms allein war hörenswert, wegen der Informationen über Weill und die Lenya, aber mehr noch wegen der meisterhaften Rezitation.Wie Weill selbst gehen die beiden Schauspieler auch bei der Interpretation der Lieder vom Inhalt aus. Dass Christine Jensen als Seeräuber-Jenny sich die Hände abtrocknet, als das "Schiff mit acht Segeln" kommt, ist nur eins der genau gesetzten Details, die selbst oft gehörte Songs neu entstehen ließen. Ihr "Barbara-Song" aus der Dreigroschenoper und sein "Septembersong", aber auch das dem Publikumsgeschmack angepasste "Je ne t'aime pas" oder das verzweifelte "I'm a Stanger here myself" forderten in der Einheit von gutem Gesang und gut herausgearbeiteter Aussage spontanen Beifall und schließlich den langen, verdienten Schlussapplaus heraus.

Wilm Froese