TSCHECHISCHE KOMÖDIE "LEERGUT"

Leere Flaschen, volle Kinos

Von Tobias Becker  (Der Spiegel)

Dagegen sieht die Konkurrenz aus Hollywood alt aus: "Leergut", der erfolgreichste tschechische Film aller Zeiten, ist nun auch in Deutschland zu sehen. Die Komödie über einen alternden Lehrer besticht durch ihren leichtfüßigen Charme.

Der Beginn trügt. Ein Lehrer, 65 und eigentlich längst aller Illusionen beraubt, versucht ein letztes Mal, seine pubertierenden Schüler für ein tschechisches Gedicht zu erwärmen: "Ich liefe für ein wenig Liebe weit" von Jaroslav Vrchlicky. Doch die Schüler haben ihren eigenen Gradmesser, den sie ihm entgegen schleudern: "Wenn der Vrchlicky wirklich so toll gewesen wäre, hätten die Amis einen Film über ihn gedreht."
"Leergut" heißt der Film zu dieser Szene, und er ist gerade auch in Deutschland gestartet. Es ist der erfolgreichste tschechische Film aller Zeiten – und doch führt er jeden, der nach dem Zustand des tschechischen Kinos fragt, zunächst auf die falsche Fährte. Hollywood-Produktionen haben es nämlich schwer in Tschechien, schwerer als in den meisten anderen Staaten Europas: Ein Drittel aller verkauften Kinokarten ging 2007 auf das Konto einheimischer Produktionen, obwohl sie weniger als ein Zehntel der gezeigten Filme ausmachten. In Europa hat nur Frankreich eine bessere Quote.

Vor allem "Leergut" steht für das kleine Kinowunder, den Heimsieg des tschechischen Films: Jeder achte der zehn Millionen Einwohner hat die bittersüße Komödie über einen alternden Lehrer gesehen. Das bedeutet 1,3 Millionen verkaufte Karten, fast doppelt so viele wie für die US- Großproduktion "Shrek der Dritte" und drei Mal so viele wie für "Die Simpsons" oder "Fluch der Karibik 3".

Der weißbärtige Hauptdarsteller in "Leergut", Zdenek Sverak, erinnert an Sean Connery, den Star vieler Hollywood-Produktionen. Im Ausland werde er häufig mit ihm verglichen, sagt Sverak, in Tschechien nie: "Ich sehe schließlich nicht aus wie er. Er sieht aus wie ich." Der Satz spricht für den Charme, den Humor und die Ironie des tschechischen Films, aber auch für sein neues Selbstbewusstsein.

 

Sehnsucht nach jungen Dingern

Immerhin rangierte 2007 auch auf Platz zwei der tschechischen Kinocharts eine einheimische Produktion: Jiri Menzels Regie-Comeback "Ich habe den englischen König bedient" mit Julia Jentsch, der bei uns im Mai startet.

Es gibt viele Gründe für das kleine Kinowunder: Die Talentschmiede FAMU gilt als eine der renommiertesten Filmhochschulen der Welt, der Komplex der Barrondov-Studios als eine der am besten ausgestatteten Produktionsstätten, die mittelalterliche Altstadt Prags als eine der beliebtesten Kulissen.

"Das sind jedoch höchstens kleine Gründe", sagt "Leergut"-Regisseur Jan Sverak, der Sohn des Hauptdarstellers, und dann erzählt er ein Gleichnis: Im Flieger zurück nach Hause sehe er stets Menschen mit großen Zeitungen voller großer Geschichten, in Prag aber nur noch Menschen mit kleinen Zeitungen voller kleiner Geschichten. "Erst auf Seite drei steht, dass auch in der Welt etwas passiert ist. Tschechien ist eine auf sich bezogene Gesellschaft."

Sein Film habe davon profitiert, glaubt Sverak: "Es gibt einen großen Appetit auf Filme, die von uns handeln, nicht von Amerikanern." "Leergut" beobachtet einen alternden Lehrer, der seinen Job hinschmeißt, aber nicht aufs Altenteil geschoben werden will. Er sehnt sich nach jungen Dingern in Strapsen und einer neuen Aufgabe: zunächst als Fahrradkurier, dann an der Leergutannahme eines Supermarktes. Charmant flirtend und kuppelnd, wird er dort, durch ein Fensterchen blickend, zum Glücksbringer: für seine Kunden, seine Kollegen, seine Tochter – und schließlich für sich selbst.

Viel Humor, keine Gags

"Für ältere Menschen gibt es sonst wenig Filme, über ältere Menschen auch nicht", sagt Jan Sverak. "Viele Tschechen haben den Film ihren Eltern empfohlen, die seit 20 Jahren nicht im Kino waren." Mit dem Rezept hat "Leergut" gleich auf drei Filmfestivals den Publikumspreis gewonnen: in Karlsbad, Hamburg und Cottbus. Auch deutsche Zuschauer haben offenbar Appetit auf die Geschichte. Zumal das Filmland Tschechien Tradition hat: Märchenfilme wie "Drei Haselnüsse für Aschenbrödel" sind berühmt, ebenso "Pan Tau" oder die Zeichentrickfilme mit dem kleinen Maulwurf. In den sechziger Jahren sorgten Regisseure wie Jiri Menzel und Milos Forman weltweit für Aufsehen. Die "Neue Welle" nannte man ihre Generation, angelehnt an das französische Vorbild.

"Diese Tradition ist bis heute auch der Hauptgrund für den Erfolg des tschechischen Kinos im eigenen Land", sagt Jan Sverak. "Wir haben ein Publikum." Der typische Humor tschechischer Filme ziehe seine Landsleute ins Kino: "Wir machen keine verrückten Komödien. Es sind Komödien, bei denen man nicht weiß, ob man lachen oder weinen soll."

Auch "Leergut" ist einer dieser Filme, die Humor haben - keinen Witz und schon gar keine Gags. Es ist eine Komödie, die auf der Grenze zur Tragikomödie balanciert, und sich gleichzeitig Kitsch erlaubt. Dazu gehört eine der berührendsten Liebeserklärungen der vergangenen Kinojahre: Ganz zum Schluss, der alternde Lehrer hat viele erotische Träume geträumt, versöhnt er sich bei einer turbulenten Ballonfahrt mit seiner Frau - und bemerkt entsetzt, dass sie heimlich raucht. Ihre Entschuldigung entwaffnet den Schwerenöter: "Ich rauche, weil ich vor dir sterben will."