Tragik einer Liebe, die nicht sein darf

Figurentheater über Homosexualität im Nationalsozialismus

Montag, 25. Jun. 2018 - 17:54 Uhr IVZ
von Dietlind Ellerich

Hannes spielt den Pyramus, Paul die Thisbe. Während der Proben zu dem antiken Theaterstück in lateinischer Sprache stellen die beiden Hitler-Jugendlichen fest, dass da zwischen ihnen mehr ist als nur Freundschaft. Nicht nur das Paar im lateinischen Bühnenstück geht in den Tod, auch die beiden Jungen sterben. Ein verhängnisvolles Missverständnis! Der eine glaubt, dass der andere tot ist, und nimmt sich das Leben.

Foto: Dietlind Ellerich

 

Liebe, die vermeintlich nicht sein darf, gab es immer schon und gibt es noch heute. Stellten sich vor 2000 Jahren in Ovids Metamorphosen die Eltern gegen die Verbindung der Liebenden, wurden Homosexuelle während des Nationalsozialismus brutal verfolgt. „Hannes und Paul“ ist eine traurige Liebeskomödie, in der die beiden Geschichten miteinander verschmelzen. Das Theaterstück stammt aus der Feder der Figuren- und Schauspielerin Elke Schmidt. Sie ist zudem neben ihrem Ehemann Christian Schweiger Chefin des Seifenblasen-Figurentheaters, das am Wochenende für zwei Vorstellungen des Stücks im Tecklenburger Land gastierte.

Aus sicherer Entfernung verfolgen die Zuschauer das Geschehen um Liebe, Angst, Verzweiflung und Tod, das Elke Schmidt als Hilde Schumann ebenso eindringlich darstellt, wie sie als Figurenspielerin die Klappmaul-Handpuppe Karl und die Figuren Hannes und Paul führt.

Hilde lässt die Geschichte um den tragischen Tod ihres Sohns Hannes in einer Bombennacht im Jahr 1943 Revue passieren. Statt in den Keller zu gehen, verliert sie sich in ein Kästchen voller Erinnerungen.

Sie hört das Baby schreien, sieht die Begeisterung des Ehemanns und des Jungen über die vielen Kinder, die zur Feier von Hitlers Machtergreifung auf den Straßen marschieren, bangt mit dem Sohn um den Ehemann und Vater, der in den Krieg zieht, und sieht den Jugendlichen in sein „Liebes-Verderben“ laufen.

Das alles geschieht vor einer auf das Notwendigste reduzierten Kulisse einer Wohnung, spielt sich in ganz leisen Tönen und
großartigen Bildern ab, die so aufwühlend sind, dass es während der gesamten Aufführung mucksmäuschenstill ist und auch am  Ende erst einmal absolute Stille herrscht, bevor die Zuschauer applaudieren.

Sie sei tief berührt von der ergreifenden Geschichte und der einzigartigen Leistung der Schau- und Figurenspielerin, räumte Barbara Brüning, Vorsitzende des Fördervereins Schultenhof, am Sonntagabend ein und sprach dem Publikum wohl aus der Seele.

Insgesamt rund 100 Zuschauer verfolgten in Mettingen und Dörenthe die beiden Aufführungen des Seifenblasen-Figurentheaters, das mit der Figuren- und Schauspielerin Elke Schmidt und deren Ehemann Christian Schweiger in der Technik auf Einladung des Fördervereins Mettinger Schultenhof und des Fördervereins Kulturspeicher Dörenthe aus Meerbusch ins Tecklenburger Land gekommen war.

 

 

Hannes und Paul und ihre große Liebe

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Nachdenkliches Figurentheater gibt es am 24. Juni im Schultenhof.

METTINGEN. Zu einer gemeinsamen Veranstaltung mit dem Figurentheater des Kulturspeichers Dörenthe lädt der Förderverein Mettinger Schultenhof alle Figurentheaterfreunde ein. Gezeigt wird am Sonntag, 24. Juni, um 18 Uhr im Schultenhof vom Seifenblasen-Figurentheater in einer Inszenierung des weltbekannten Regisseurs Neville Tranter eine traurige Liebeskomödie für Jugendliche (ab 16) und Erwachsene.

Die Besonderheit dieser Inszenierung liegt in der Verschmelzung zweier auf den ersten Blick vollkommen unterschiedlicher Themen: „Homosexualität im Nationalsozialismus“ und „Pyramus et Thisbe“, 2000 Jahre alte Liebeslyrik in lateinischer Sprache.

Die Geschichte von Hannes und Paul bietet die Möglichkeit, die Dinge aus sicherer Entfernung zu betrachten, spielt sie doch in einer längst überwundenen Zeit in einem längst überwundenen Unrechtsregime und wäre so heute nicht mehr möglich – oder vielleicht doch?

Zur Geschichte: 1943, Bombennacht in einer deutschen Stadt. Frau Schumann sitzt in ihrer Küche und strickt für die Ostfront. Sie hat gerade ihren Sohn verloren, nicht an den Krieg – an die Liebe. Die Liebe mit 16! Da ertönt der Voralarm. Ein Nachbar klopft. Noch 20 Minuten Zeit bis zu einem der zahlreichen Luftangriffe.

Doch Sie hört den Alarm nicht. Sie hat ihr Kästchen wiederentdeckt. Ein Kästchen voller Erinnerungen an ihren Sohn. Sie sieht Hannes als Baby und die eigenwilligen „großdeutschen“ Erziehungsmethoden ihres Mannes, sie sieht noch einmal die Begeisterung ihres inzwischen Sechsjährigen, geschürt von der Euphorie des Vaters, als anlässlich der Machtergreifung Hitlers tausende von Kindern in Braunhemden singend durch die Straßen marschieren, sie sieht Hannes im Alter von zehn Jahren als „Pimpf“ und schließlich sieht sie ihn als Jugendlichen in „sein Schicksal“ laufen. Das beginnt im Lateinunterricht mit „Pyramus und Thisbe“ – Hannes spielt den Pyramus und sein Freund Paul die Thisbe – und beide erkennen, dass da mehr als Freundschaft zwischen ihnen wächst.

Eine Schauspielerin und verschiedene direkt geführte Figuren agieren auf kleiner Bühne mit wenig technischem Aufwand. Ort des Geschehens ist ein Zimmer einer Wohnung in einem Mietshaus, spärlich möbliert mit ein paar Möbelstücken, beleuchtet hauptsächlich mit Tisch- und Stehlampen, die jeweils direkt zu bedienen sind. Zur Unterstützung der Atmosphäre dienen Toneinspielungen von (Original-)Reden, Liedern und Geräuschen und, natürlich, der Text von Ovid.

M Karten sind erhältlich bei Gerbus (05452/ 973017) und in der Touristinfo (05452/ 5213) zum Preis von 13 Euro (Abendkasse 15 Euro).