Alte Schürzen haben viel zu erzählen

Ausstellung „Weibsbilder“ verdeutlicht gesellschaftliche Strukturen in verschiedenen Epochen

IVZ vom 14.5.18
von Dietlind Ellerich

Nein, eine Schürzenjägerin ist Brigitte Hoffmeister wirklich nicht. Ein Faible für das Textil, das seit Jahrhunderten Körper und Kleidung von Frauen und Männern bei ihren vielfältigen Arbeiten schützt, hat die Bad Iburger Künstlerin dennoch. Sie frönt aber nicht nur einer Sammelleidenschaft, sondern setzt die Objekte in einen Kontext, verdeutlicht mit ihnen gesellschaftliche Strukturen, politische Entwicklungen und Veränderungen im Zusammenleben der Geschlechter.

„Weibsbilder“ nennt Hoffmeister die Ausstellung, die sie auf Einladung des Fördervereins Schultenhof im Kunstspeicher zeigt. Das Wetter spielt zur Eröffnung am Freitagabend so gut mit, dass einige Ausstellungsstücke auf der zwischen zwei Bäumen gespannten Wäscheleine schon bei der Ankunft der Besucher für Gesprächsstoff sorgen. Was liegt da näher, als die Vernissage direkt als Freiluftveranstaltung über die Bühne gehen zu lassen?

Weibsbilder? „Was denn sonst?“, macht die Künstlerin deutlich, dass die Schürze schon immer als Symbol für das Dienen, für die soziale Stellung und nicht zuletzt für die Rolle der Frau stand. Den Einwand, dass auch Männer Schürzen tragen, lässt sie nicht gelten. „Sobald sie sie ablegen, ist für sie Feierabend“, beschreibt sie den Unterschied und den Weg der Befreiung der Frau von gesellschaftlichen Zwängen und Normen, von einer untergeordneten Position zur gleichberechtigten Partnerin. Jede Schürze, die im Kunstspeicher hängt, verbindet Hoffmeister mit einem Text, der dem Betrachter in einigen Fällen das ganze Dilemma der abhängigen Frau von anno dazumal vor Augen führt. Vom Schürzenzins und dem Recht des Herrn auf die erste Nacht mit der Magd ist da Rede, von der Wahl zwischen „Schürzenmantel oder Selbstständigkeit“ oder von der Erinnerung an „Herzblättchen oder Mädchenträume“.

Für viel Spaß, aber auch Nachdenklichkeit sorgte Gästeführerin Annette Nagelmann-Knuf, die auf Einladung von Ute Schwermann-Temmen vom Förderverein den in früheren Zeiten beschwerlichen Weg der Wäsche vom Körper bis zur Bleichwiese anschaulich darstellte.

Schürzen für sonntags, für die Trauerzeit, für die Arbeit, Schürzen mit links oder rechts gebundenen Schleifenbändern, die Geschichte vom Lendenschurz bis zur Schürze in ihrer heutigen Form, vom damals ausschließlich funktionellen bis zum heute auch dekorativen Kleidungsstück, ist lang, und Brigitte Hoffmeister hat sie intensiv studiert. „Mit Aristoteles fing alles an“, weiß die Bad Iburgerin, dass für den Philosophen vor mehr als 2000 Jahren Frauen minderwertige, „von Natur aus defekte“ Geschöpfe waren. „Ein gelehrtes Weib ist für die häusliche Ökonomie verloren“, verweist sie mit einem Zitat aus dem 18. Jahrhundertauf den damaligen Status der Frau.

Kaum einer der Besucher, die am Freitag die Ausstellungseröffnung auf dem Schultenhof verfolgen, wird sich in Zukunft eine Schürze umbinden, ohne sich schmunzelnd oder auch nachdenklich an die kleine Zeitreise zu erinnern, die der Förderverein gemeinsam mit der Künstlerin und der Gästeführerin unternahmen.

 

 

Die Schürze im Fokus der Kunst

METTINGEN. Vom 11. Mai bis zum 10. Juni zeigt der Förderverein Mettinger Schultenhof unter dem Titel „Weibsbilder“ eine Ausstellung der Bad Iburger Künstlerin Brigitte Hoffmeister. Im Mittelpunkt der Arbeiten im Kunstspeicher stehen in unterschiedlichsten Formen, Darstellungen und Zuordnungen „Schürzen“.

Schürzen sind für Brigitte Hoffmeister Medium, um gesellschaftliche Strukturen, politische Entwicklungen und Veränderungen im Zusammenleben der Geschlechter zu verdeutlichen. Im Laufe vieler Jahre hat die begeisterte Sammlerin über 2000 Schürzen zusammengetragen und sie in einem künstlerischen Prozess bearbeitet.

Der Wandel des Objekts Schürze hat die Malerin inspiriert, sich mit ihrer Bedeutung für das Leben der Frau auseinander zu setzen und sie in ihre Kunstobjekte einzubeziehen. Das Wort „Schürze“ findet sich in vielen Sprachen in verschiedenartiger Form und zeigt eine lange Kette sich ändernder Wortbedeutungen. Das bewusste Ablegen der Schürze im 20. Jahrhundert unterstreicht zum Beispiel die Befreiung der Frau von gesellschaftlichen Zwängen und Normen, von einer untergeordneten Position zu einer gleichberechtigten Partnerin.

 Ausstellung Brigitte Hoffmeister – „Weibsbilder“; im Kunstspeicher auf dem Schultenhof, Burgstraße 9 vom 11. Mai bis zum 10. Juni. Eröffnung am Freitag, 11. Mai, um 20 Uhr. Geöffnet samstags und sonntags von 15 bis 18 Uhr.