Schaffen in der Nähe des Schweigens

Eröffnung der Girke-Ausstellung „Bewegte Stille“ auf dem Schultenhof

Sonntag, 11. Juni 2017 - 15:02 Uhr
von Dietlind Ellerich

Großformatige, farbige Explosionen gibt es seit Freitagabend im Kunstspeicher auf dem Schultenhof zu sehen. Die Ausstellung mit Bildern des Osnabrücker Künstlers Harmut Girke unter dem Titel „Bewegte Stille“ können Interessierte noch bis zum 9. Juli besuchen.

 METTINGEN. „Sie haben diese Räume in ein Meer von Farben verwandelt“, stellte Bernhard Kötter, Vorstandsmitglied des Fördervereins Mettinger Schultenhof, am Freitagabend inmitten der vielen Menschen fest, die sich zur Eröffnung der neuen Ausstellung in der oberen Etage des Kunstspeichers drängelten. Der Mann, der für die großformatigen, farbigen Explosionen verantwortlich zeichnet, ist Professor Dr. Hartmut Girke, Künstler aus Osnabrück. Seine Bilder sind unter dem Titel „Bewegte Stille“ bis zum 9. Juli auf dem Schultenhof zu sehen.

„Ich habe nicht die Absicht, Erklärungen abzugeben“, machte der ältere Herr gleich zu Beginn unumwunden deutlich, zitierte stattdessen Pablo Picasso, der sich dagegen verwahrt hatte, in seinen Werken der Briefträger von Botschaften zu sein. „Der Künstler illustriert auch keine Nachrichten“, sagte Girke, und Rainer Maria Rilke gibt ihm recht, spricht von der „Nachricht, die aus Stille sich bildet“.

„Erstaunen“ lautet hingegen die Devise des Osnabrücker Künstlers, die er in der Literatur und Philosophie der vergangenen Jahrhunderte belegt sieht. So findet er „das wandernde Aug“, das „im eigenen Erstaunen“ ausruhe, in den Briefen Paul Celans, führt Goethes Vers „Zum Erstaunen bin ich da“ an, um – vorerst – zu schließen, dass in der Malerei das Erstaunen in der Farbe begründet sei. „Die Zeilen, die ich ihnen aus verschiedenen Gedichten hinstreue, sind ein Hinweis auf meine Malerei und mein künstlerisches Dasein“, fasst der Professor seine Beweggründe zusammen.

Was Girke empfinde, wenn er vor der weißen Leinwand stehe, wollte Bernhard Kötter wissen. „In der Leerheit ist die Fülle der Möglichkeit“, stellte der Künstler zunächst kurz und knapp fest, hielt es jedoch mit dem Kollegen Paul Cezanne. „Der Künstler darf sich in das Gespräch der Farbe nicht einmischen“, zitierte der Osnabrücker den Franzosen. Girke machte Mut, wie William Turner zu verfahren, der Kinder die ersten Farben auf die weiße Leinwand habe malen lassen.

Wann ein Bild fertig sei? Ganz einfach! Nie, man könne immer nur unterwegs sein. Ein Werk brauche Stille und Anschauung, sagte der Künstler und schlug den Bogen zum Heideggerschen Schweigen, das im Gegensatz „zu unserer lauten, die Hektik liebenden Zeit“ stehe. Girke sucht in seinem Schaffen die Nähe zum Schweigen, die Möglichkeit zur Langsamkeit, „weil nur so Dasein möglich ist“.

Knapp 80 Frauen und Männer, unter anderem ehemalige Studenten des Künstlers, der an der Universität Osnabrück gelehrt hat, verfolgten dessen Ausführungen gespannt bis fasziniert. Alle anderen, die nicht dabei waren, laden der Förderverein Mettinger Schultenhof und Hartmut Girke dazu ein, sich intensiv mit den Bildern auseinanderzusetzen und die Verschlüsselung der Botschaft darin zu entdecken.

 

Eigenbericht

Maler horcht auf den Klang der Farben

Ausstellung „Bewegte Stille“ von Hartmut Girke

METTINGEN. In seiner Ausstellung „Bewegte Stille“ zeigt der Förderverein Mettinger Schultenhof vom 9. Juni bis zum 9. Juli Arbeiten des Osnabrücker Künstlers Hartmut Girke. Der emeritierte Professor und Dekan am Fachbereich Kunst der Universität lässt in seinen oft großflächigen Bildern hell leuchtenden Farben allen Raum. Das teilt der Förderverein in einer Presse-Information mit.

So scheint zum Beispiel ein gelbes Bild vor Hitze zu flirren, ein blaues Gemälde spiegelt einen Sternenregen, der durch das All fährt und beinahe kosmische Dimensionen ansteuert. In all seinen Werken horcht der Maler auf den Klang der Farben, hält ihre brodelnden Energien im Zaum und erreicht am Ende eine beinahe beruhigte Komposition.

 In einer Vielzahl sich überlagernder Schichten schafft er Farbräume, in die zuweilen grafische Zeichen oder auch dingliche Spuren eingewoben werden, die oft rätselhaft verbleiben, aber auch konkret auf bekannte Texte oder Begriffe verweisen. Hartmut Girke versteht seine Arbeit als eine Herausforderung, in einem langwierigen Entstehungsprozess ein „fertiges“ Kunstwerk zu erschaffen. Eine leere Leinwand füllt sich mit einer Anzahl von Farbsequenzen und Bildmotiven, die dann Zug um Zug zu einer sich allmählich ergebenden Gesamtkomposition zusammengefügt werden. Aus intensiveren und zuweilen schwächeren Überlagerungen von Farbwerten entstehen Bilder, die eine persönliche Auseinandersetzung für ein Entschlüsseln der Bildaussage verlangen. Die großformatigen, farbintensiven Gemälde fordern das genaue Hinsehen, um die verborgene Botschaft zu erkennen.

Der ehemalige Lehrer an der Kunsthochschule ist in seinen Gestaltungen ein geduldig Suchender, setzt Farbschicht auf Farbschicht, verwirft und verändert , um dann die gewünschte und angestrebte Gesamtkomposition zu erzielen. | Die Eröffnung der Ausstellung ist am Freitag, 9. Juni, um 20 Uhr im Kunstspeicher auf dem Schultenhof. Der Künstler wir ebenfalls dabei sein.