Thomas Gsella am 10.11.2013 auf dem Schultenhof in Mettingen

 

Das Beste aus 50 Jahren

Pressebericht

 

Lästern auf hohem Niveau IVZ vom 12.11.2013 (Dietlind Ellerich)

Satiriker Thomas Gsella unterhielt zum Auftakt der „LiteraTour“ sein Publikum mit Bösem und Bitterbösem im Schultenhof. Alle bekamen ihr Fett weg in Hunderten von langen und kurzen Gedichten sowie Prosa.

METTINGEN. Er lese jetzt erst einmal zwei Stunden, Lyrik und Prosa, nach der Pause gehe es weiter und zum Schluss noch unendlich viele Zugaben, kündigt Thomas Gsella beiläufig an. „Vorsicht, Satire!“, und die beherrscht er aus dem Effeff. Kein Wunder, war Gsella doch mal Chefredakteur der „Titanic“, dem „mal rassistischen, mal niveaulosen, mal gemeinen, aber immer lustigen“ Magazin, für das er heute noch kräftig die Werbetrommel schlägt.

Auch am Sonntagabend auf dem Schultenhof, wo er auf Einladung des Fördervereins Mettinger Schultenhof auf der Diele das „Beste aus 50 Jahren“ zum Besten gibt. Es ist die Auftaktveranstaltung der „LiteraTour“, einer Reihe von Lesungen, die Literaturliebhaber zwölf Tage lang zu den unterschiedlichsten Spielstätten durch das ganze Tüöttendorf führt. „Ich darf hier lesen“, sagt Gsella bescheiden, bevor er loslegt, sein Feuerwerk zündet und die Produkte „seiner Freude am Reimen“, Hunderte von langen und kurzen Gedichten sowie die Prosa abfeuert. Und da bekommen alle ihr Fett weg. Allen voran die Sportreporter, die sich von der gegenseitigen Befruchtung über Vibrationen bis zum Höhepunkt – und das alles im Fußball – oft ohne Sinn und Verstand um Kopf und Kragen reden, lustvoll zitiert und kommentiert von Thomas Gsella. „Da ist kein Wort von mir“, betont er ausdrücklich. 

Lack ab bekommen die Fastfoodketten, komische Deutsche wie Guttenberg, Merkel oder Mappus, lyrische Seitenhiebe hagelt es auf Städte wie Bielefeld, Kassel, Wildbad Kreuth, Bayreuth oder Berlin bei Polen. Auch ein Gedicht auf Mettingen hat er parat, von Schinken und Regenpfützen ist da die Rede, ein Schelm, wer Böses dabei denkt.

Es wäre keine Satire, wenn nicht das Lachen manchmal im Hals stecken bliebe. Doch wenn der Kloß im Hals zu groß zu werden droht, bekommt Gsella gerade noch rechtzeitig die Kurve und begibt sich in unverfängliche Gefilde. In atemberaubendem Tempo hangelt er sich von der Hirnkomapatientin („Ich war selbst entsetzt, als ich das Gedicht las“) über „das Ende der Firma van der Vaart“ („Da weiß man, warum die Menschheit untergeht“) zu den afrikanischen Tagen im Schweriner Zoo („Auf freie Artgenossen wird drüben noch geschossen“).

Sebastian Vettel, Oliver Pocher, Boris Becker, Josep Guardiola, Margot Käßmann – auch die Opfer seiner Stern-Personenkontrolle knöpft sich Gsella noch einmal vor und kommt auf dem schmalen Grat zwischen Witz und bitterer Wahrheit nur kurz ins Trudeln, als er Friedrichs Flüchtlingspolitik beschreibt. „Ist das Mittelmeer erst voll, kann man drüber laufen.“ Wo steckt das Lachen? Schnell runterschlucken und schon geht’s weiter mit Führerscheinprüfungen, Intelligenztests, den letzten Fragen der Menschheit, dem Auto, in das die Frauen schauen, sowie Tannenbaum- und Gänsefüßchen-Geschichten.

„Vielleicht haben Sie schon gemerkt, dass ich gerne schimpfe!“ Ach was! Gereimte Berufsbilder mit Reimresonanz, die Natur als schlimmster Feind des Menschen, Buchautoren, denen man besser mehr Rollen geben sollte. Gsella lästert, was das Zeug hält, und das auf hohem Niveau. „Vielen Dank, das war’s“, verabschiedet er sich nach gut zwei Stunden. Vorbei? Schade