Puppen ergreifen Besitz von Hamlet
IVZ vom 12.05.2008

Von Sunhild Salaschek

Mettingen. „Hamlet“, in einer Fassung für Figurentheater, von und mit Marc Schnittger, so stand es auf dem Programm. Regie führte Katja Hensel, die seit 1995 Mitglied der „bremer shakespeare company“ ist.

Das ließ ein hohes Niveau erwarten und so kamen mehr als 50 Besucher zu der Veranstaltung des Fördervereins Mettinger Schultenhof – und das trotz des prächtigen Wetters, das eher zum Aufenthalt im Freien einlud. Diese wundervolle Inszenierung wurde 2003 mit dem Grand Prix des internationalen Solo-Puppenspieler-Festivals ausgezeichnet. Und so war es kein Wunder, dass in Mettingen die Freunde des klassischen Theaters ebenso begeistert waren wie die Liebhaber des Figurentheaters.

Für seine Hamlet-Fassung wirbt Schnittger mit einem Porträt der Puppe, die den König Claudius von Dänemark, den Gegenspieler Hamlets, verkörpert. Dabei erscheint in der Pupille des Königs der Kopf von Schnittger. Mit diesem Kunstgriff symbolisiert der Schauspieler und Puppenführer einerseits einen gewissen Abstand zu dem 400 Jahre alten Shakespeare-Stück. Versteht man das Gesicht Schnittgers aber als Darsteller Hamlets, so wird andererseits deutlich, wie sehr Claudius von Hamlet Besitz ergreift.

Diese Doppelbödigkeit – im wörtlichen wie im übertragenen Sinn des Wortes – kennzeichnet die gesamte Inszenierung. Schnittger macht sich alle Möglichkeiten des Figurentheaters zunutze und kostet jede Feinheit voll aus, wobei er das Drama ein wenig modifiziert: Auf die Nachricht vom Tode seines Vaters eilt Hamlet nach Hause. Dort zieht er sich auf den Dachboden zurück und erschafft sich eine eigene Welt, in der Puppen die realen Mitmenschen verkörpern.

Dabei öffnet Hamlet immer wieder die Dachluke, durch die er mit der realen Welt verbunden ist, ohne dass die Zuschauer außer durch markante Geräusche und ausdrucksstarke Musik Einblick in diese Realität erhalten. Auch Hamlets Verbindung mit der Außenwelt nimmt stetig ab. Die imaginierten Gestalten werden zum Sinnbild für kühle Berechnung und Hass, Wut und Schmerz, Vertrauen, Liebe und Wahnsinn. Schnittger setzt sich mit diesen in jahrelanger Arbeit von ihm bis ins Detail ausgefeilten Puppen wie mit gleichwertigen charakterstarken Partnern ausein-ander. Folgerichtig „zerstört“ er sie am Schluss des Stückes. Die Tragödie endet damit, dass die Emotionen, die das eigenständige Leben der Puppen ausmachten, vollständig von Hamlet Besitz ergreifen und damit auch ihn zerstören.

Neben der beachtlichen Dramatik und bewundernswerten Visualisierung innerer Vorgänge war auch Raum für Wortspielereien mit den gängigsten Zitaten, zum Beispiel „Klein oder nicht klein, das ist die Frage“. Beherrschend blieb aber die poetisch hinreißend verbrämte Mahnung: Etwas ist faul im Staate – nicht nur in Dänemark.

Einziger Wermuttropfen: Auf den „besten Plätzen“ blendeten die Scheinwerfer häufig ganz beträchtlich. Die meisten Besucher wurden aber durch die ansonsten hervorragende, lebendige Lichtführung nicht beeinträchtigt, und sie bejubelten den phantastischen Abend.